Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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Darüber, welche Auswirkungen diese gesellschaftlichen Transformationsprozesse auf die Situation von Frauen an türkischen Hochschulen haben, gibt es wenige Untersuchungen (vgl. F. Acar, 1991). Ein Vergleich der Hochschulentwicklung in den beiden Ländern zeigt, daß Frauen von dem Ausbau des Hochschulbereichs überproportional profitiert haben. Während in der Bundesrepublik die starke Expansion des Hochschulwesens bereits in den frühen siebziger Jahren einsetzte, wurden in der Türkei die Hochschulen erst in den achtziger Jahren stark ausgebaut. In der Bundesrepublik Deutschland hatten Frauen den Bildungsboom der siebziger Jahre für sich genutzt, die Studentinnenzahlen hatten stark zugenommen, später, in den achtziger Jahren, nahm diese Expansion ein wenig ab. Daneben zeigt die Entwicklung der Zahlen des wissenschaftlichen Personals in den achtziger Jahren insgesamt eine kontinuierliche Zunahme von 4,5% des Frauenanteils und nur geringe Verschiebungen bei der Fächerverteilung zugunsten von Medizin und Naturwissenschaften.

In den achtziger Jahren wurde in der Türkei das Hochschulwesen ausgebaut - besonders in den Großstädten der anatolischen Provinzen wurden neue Hochschulen eingerichtet, die Studenten- und Dozentenzahlen nahmen zu, gleichzeitig stiegen die Frauenanteile unter den Studierenden und wissenschaftlich Tätigen an den Hochschulen des Landes. Dies bedeutet, daß Frauen sich bei der Expansion des Hochschulwesens stärker beteiligten als die Männer in jeweils vergleichbaren Positionen. Obwohl der Frauenanteil am wissenschaftlichen Personal in der Türkei bereits zu Beginn der achtziger Jahre mit 25,4% wesentlich höher lag als in der Bundesrepublik (12,7%), nahm er bis Ende der achtziger Jahre noch um fast 7% zu und verzeichnete eine leicht überproportionale Zunahme in den Fächern der Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften. Die naheliegende Frage, ob mit der Expansion des Hochschulwesens in der Türkei auch eine Zunahme der Frauenanteile in den sogenannten "Frauendomänen" einhergeht, wie manche Forscherinnen konstatieren (z.B. Acar, 1991), muß mit differenzierten Zahlen verfolgt werden.

3. Ursachen der relativ hohen Beteiligung von Frauen an wissenschaftlichen Karrieren an türkischen Hochschulen

In der international vergleichenden, vor allem berufsbezogenen Frauenforschung wird ein Bündel von Bestimmungsfaktoren untersucht, die den Zugang von Frauen zum Studium und zu einer wissenschaftlichen Laufbahn erleichtern, erschweren oder gar verhindern. Die nationalen Ungleichzeitigkeiten und Unterschiede bei der geschlechtsspezifischen Segmentierung der akademischen Berufe werden durch die unterschiedlichen Konstellationen von so verschiedenen Faktoren wie: Ziele und Stärke der Frauenbewegungen, Zusammenhang von Bildungs- und Beschäftigungssystem, Sozialprestige der akademischen Berufe und Arbeitsmarktsituationen dieser Berufe erklärt (vgl. Costas, 1992). Auf der Suche nach den Ursachen der hohen Beteiligung von Frauen an wissenschaftlichen Karrieren an türkischen Universitäten, gerade im Vergleich zu den Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland, sollen in Anlehnung an diese Bestimmungsfaktoren aus der internationalen Forschung einige Bedingungen hervorgehoben werden, die besonders die Entwicklung in den türkischen Hochschulen zu erklären imstande sind, und die so zur Erklärung der Entwicklung in türkischen Universitäten beitragen ksnnen.

Dabei soll erstens der Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen und dem Stellenwert der "Frauenfrage" in den politischen Diskussionen an wichtigen historischen Wendepunkten dargestellt und aufgezeigt werden, in welchem Maße einerseits die Vorstellung von Frauen als Wegbereiterinnen der Zivilisation die gesellschaftlichen Reformen beeinflußte, daß andererseits Frauen selbst - zweifellos nur Frauen aus den intellektuellen Kreisen - sich zeitgleich mit den westeuropäischen Frauenbewegungen für die Frauenrechte und -bildung einsetzten. Ein bedeutender Wendepunkt in der Geschichte ist die Gründung der türkischen Republik, die von den Ideen der Moderne getragen wurde.

Zweitens soll das türkische Bildungs- und Hochschulsystem in seinen Besonderheiten untersucht werden. Hier geht es vor allem um die Frage, welchen Einfluß die Klassenzugehörigkeit im Verhältnis zu der Geschlechtszugehs-rigkeit beim Zugang zu einem Hochschulsystem hat, das sich in einer  bergangsphase von der Eliteausbildung zur Breitenausbildung befindet.

Drittens soll nach dem Zusammenhang des Sozialprestiges der akademischen Bildung mit der Entwicklung des Arbeitsmarktes für Wissenschaftlerinnen gefragt werden. Es geht dabei auch um die Frage, welche Bedeutung der gesellschaftliche Wandel für und welche Einflüsse die zunehmende Marktwirtschaft auf die Berufstätigkeit von Wissenschaftlerinnen haben.