Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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Geschichte der Frauenbildung in der Türkei

Die Anfänge der Institutionalisierung der Frauenbildung reichen in das 19. Jahrhundert zurück. Mit den Tanzimatreformen (1839-76) im Osmanischen Reich begann ein gesellschaftlicher Modernisierungsprozeß, in dem die Stellung der Frau im öffentlichen Leben eine besondere Rolle spielte. Die westlich orientierten, gebildeten Stände vertraten den Standpunkt, daß Frauen im Gemeinwesen Recht und Pflichten zukommen, auf die sie durch eine bessere Bildung und Ausbildung vorbereitet werden sollten (vgl. Köker, 1988).

Als ein Ergebnis dieser Reformen wurde den Frauen der Zugang zu Bildung und zu einigen Berufen eröffnet, indem eine Reihe von Bildungs-und Ausbildungsanstalten für Mädchen geschaffen wurden, die auf eine Grundausbildung, die bis zum 9.-10. Lebensjahr in Knabenschulen absolviert werden durfte, aufbauten. So entstanden von 1842-1870 höhere Lehranstalten für Mädchen, Lehrerinnenseminare, Hebammen- schulen und gewerbliche Schulen für Mädchen.

In dieser Zeit der Liberalisierung begannen einige Frauen sich in Zeitungen und Zeitschriften Gehör zu verschaffen und über die Frauenrechte und Frauenbildung zu diskutieren. 1896 wurde der erste Frauenverein des Osmanischen Reiches gegründet (Muhaderet-i Nisvan), der sich für die gesellschaftliche Stellung und die Rechte von Frauen einsetzte. Dieses Datum wird als Beginn der türkischen Frauenbewegung bezeichnet.

Auf dem Höhepunkt der zweiten konstitutionellen Monarchie (1908) gab es eine starke Frauenbewegung im Osmanischen Reich, die mit verschiedenen eigenständigen Presseorganen die Forderung nach der Gleichstellung der Frau aufstellte.

Von der osmanischen Verwaltungselite unterstützt, wurde Frauen die Zulassung zum Hochschulstudium gestattet. 1914 wurde eine Meisterschule für Malerei und Bildhauerei (Kunstakademie) und 1916 eine Universität für Frauen gegründet. Ab 1915 wurde Frauen der Zugang zu den Universitäten geöffnet. Zunächst ohne Examensrecht konnten sie in Fächern wie Rechte der Frauen, Naturwissenschaften, Medizin, Hauswirtschaft, Geschichte und Pädagogik studieren. Im Wintersemester 1917/18 streikten Studentinnen der Frauenuniversität für die uneingeschränkte Zulassung zu den (Männer-)Universitäten. Dieser Streik wurde von den Professoren unterstützt, so wurden Frauen 1920 an die Fakultäten für Literatur- und Naturwissenschaften, 1921 an der Fakultät für Rechtswissenschaften und 1922 an der Medizinischen Fakultät zugelassen.

Die Gründung der türkischen Republik (1923) und die darauf folgenden gesellschaftlichen Reformen (bis 1936) stellten zweifellos das wichtigste Datum für die Gleichstellung der Frauen und für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Bildung und Wissenschaft dar. Die Gründer der Republik versuchten - nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches - eine neue "türkische" Identität zu stiften, sie knüpften dabei an die Idee einer egalitären, demokratischen, präislamischen türkischen Vergangenheit an (vgl. Kandiyoti 1990).

Die in manchen Geschichtsbüchern sogenannte "Türkische Kulturrevolution" setzte alles daran, die Ideen des Laizismus und des Fortschritts, der Modernisierung und technologischen Entwicklung im Bildungssystem zu verankern.

Die nach der Republikgründung eingeleiteten Reformen haben für die Frauen viele Rechte geschaffen, eine Reihe von Frauen konnte diese Rechte für sich nutzen. So entstand in den vierziger Jahren eine weibliche Elite in der Türkei, die für wichtige gesellschaftliche und berufliche Positionen ausgebildet wurde und diese auch einnahm.

Wenn man die Studentinnenzahlen in diesen Jahren in den beiden Ländern vergleicht (Tabelle 8), wird diese Entwicklung deutlich. Auch und gerade im Vergleich mit den Studentinnenzahlen in Deutschland - hier spielen zweifellos die politischen und rechtlichen Rückschläge im Dritten Reich eine besondere Rolle - ist der Anteil von studierenden Frauen in der Türkei ungewöhnlich hoch.