Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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Das Verhältnis von Klassenzugehörigkeit und Geschlechter differenz im türkischen Bildungssystem

Daß das türkische Bildungssystem eine extrem sozial selektive Funktion in der Gesellschaft wahrnimmt, wurde im ersten Teil dieses Beitrags erläutert. Das türkische Universitätssystem diente bis in die achtziger Jahre vorwiegend der Elitebildung, nur ein geringer Teil der Gesamtbevölkerung war akademisch ausgebildet, der Hochschulzugang war extrem sozial selektiv. Dieses System ermöglichte Töchtern aus der Oberschicht den Zugang zur universitären Bildung viel eher als den Söhnen der Unterschicht. Bildungssegmentierung in der Türkei verläuft also bis in unsere Tage entlang der Sozialstruktur und nicht entlang der Geschlechtertrennung (vgl. A. Öncü 1985).

Die "Bildungslaufbahn" eines Schülers bzw. einer Schülerin beginnt bereits beim Übergang zur höheren Schule - also im 11. Lebensjahr -, weil die Zulassungschancen zu einem Hochschulstudium extrem abhängig sind von dem Besuch einer guten Oberschule.

Es gibt eine Reihe von "Elite"-Einrichtungen, d.h. türkische oder ausländische Schulen in staatlicher und privater Trägerschaft, die nach dem Studien-Erfolg ihrer Absolventen beurteilt und jährlich in einer "Hit-Liste" aufgeführt werden.

Diese Schulen wählen ihre Schüler und Schülerinnen ihrerseits mit Hilfe strenger Aufnahmeprüfungen aus. Nicht selten werden kleine Jungen und Mädchen ab dem dritten Schuljahr mit Nachhilfestunden auf diese Prüfungen vorbereitet. Es existiert regelrecht eine "Bildungsindustrie", die kommerzielle Angebote zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen der Oberschulen und der Universitäten unterbreitet.

Die zweite Barriere für den sozialen Aufstieg bilden die zentralen Aufnahmeprüfungen in den gesamten Hochschulbereich. Jährlich bewerben sich 40.000 - 60.000 Schulabgänger um die Aufnahme in den Hochschulen; ca. 10 % dieser Bewerber und Bewerberinnen finden Aufnahme in einer Hochschule. Der Erfolg in der Zulassungsprüfung bestimmt auch die Studienrichtung. Für die Zulassung zu begehrten Fächern (z.B. Ingenieurwissenschaften, auch Medizin, zunehmend auch die betriebswirtschaftlichen und Managementfächer) wird ein höherer Notenspiegel vorausgesetzt.

Bis in die achtziger Jahre - so kann man grob feststellen - hat das türkische Hochschulsystem die Klassenunterschiede verstärkt und zementiert, von einer sozialen Mobilität und sozialem Aufstieg durch das Bildungssystem kann nicht ausgegangen werden, so A. Öncü. Sie referiert aus einer Untersuchung über die Studentenpopulation, die durch die zentralen Hochschulzulassungsprüfungen im Wintersemester 1974/75 den Hochschulzugang erreichte. Bei einer Zulassungsquote von ca. 10 % aller Studienbewerber zeigt sich, welche Verschiebungen es zwischen den Studienbewerbern und den erfolgreich zugelassenen Studienanfängern gegeben hat, vergleicht man ihre sozialdemog- raphischen Merkmale mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit.

Bei den Studienbewerbern war der Anteil der Frauen 22,6%, während 28% der erfolgreich zugelassenen Studienanfänger Frauen waren. 30,3% aller Bewerber stammten aus ländlichen Gebieten, dagegen kamen nur 8,7% der weiblichen Bewerber aus diesen Regionen.

Aus den drei Metropolen des Landes stammten 31% der Studienbewerber, bei den erfolgreich zugelassenen Studienanfänger lag dieser Anteil bei 47,6%, davon waren 54% Frauen. 35% der Väter von allen Bewerbern waren Landwirte und Arbeiter (18% bei den Bewerberinnen). 26% der Väter aller Bewerber hatten qualifizierte Berufe (38% bei Frauen). Die Erfolgsaussichten der Bewerber aus den oberen Schichten waren doppelt so hoch wie die von Bewerbern aus Arbeiterhaushalten.

Über die soziale Herkunft von Wissenschaftlerinnen an türkischen Hochschulen gibt es keine vergleichbaren Untersuchungen. Die Ergebnisse einer kleinen, nicht repräsentativen Befragung bestätigen die Vermutung, daß die Wissenschaftlerinnen überproportional aus der oberen Mittelschicht stammen (2/3 der Väter und 1/3 der Mütter hatten eine Hochschulausbildung abgeschlossen, alle Väter arbeiteten in einem hochqualifizierten Beruf, über 2/3 der Mütter waren Hausfrauen). Die Hälfte dieser Wissenschaftlerinnen hatte eine private Schule besucht, die meisten waren gute Schülerinnen, fast 2/3 gaben an, ihr Studienfach selbst gewählt zu haben, die meisten, daß sie vom Elternhaus große (auch finanzielle) Unterstützung während des Studiums bekommen haben (vgl. Köker 1988).

Es gibt seit den achtziger Jahren Anzeichen dafür, daß sich das Hochschulsystem in der Türkei in einem Übergang von der Elitenausbildung zur Breitenausbildung befindet. Der Ausbau des Hochschulbereichs, die Zunahme der Studentenzahlen, vor allem die Gründung mehrerer Universitäten in den Großstädten der Provinzen hat dazu beigetragen, daß ein größeres Angebot an Studienplätzen, auch in bisher bildungsfernen Regionen zur Verfügung steht.

Welchen Einfluß diese Entwicklung auf Frauenstudium und auf die wissenschaftlichen Karrieren von Frauen bereits hat oder haben wird, wurde bisher nicht untersucht. Die Entwicklung der Zahlen von Studenten und der des wissenschaftlichen Personals geben noch keinen Anlaß zur Annahme, daß Frauenanteile bei einer sozial ausgeglichenen Verteilung relativ abnehmen würden.