Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaftlerinnen
an türkischen und deutschen Universitäten

Prof. Dr. Ayla Neusel, Kassel

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Die Beteiligung von Frauen an akademischer Bildung und akademischen Karrieren gilt als ein wichtiger Indikator für den Grad der Offenheit eines Bildungssystems und für den erreichten Stand der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen an gesellschaftlichen Gütern in einem Land. So wird auch in der Bundesrepublik Deutschland der geringe Anteil und die damit einhergehende Marginalisierung von Frauen am wissenschaftlichen Personal in Hochschulen beklagt. Wirft man einen Blick über die Grenzen und untersucht die Situation von Wissenschaftlerinnen im internationalen Vergleich, stellt man fest, daß im gesamten westeuropäischen Raum der Anteil von Frauen unter den Professoren gering ist.

Werden die türkischen Hochschulen in den Vergleich einbezogen, so wird als interessantes Phänomen sichtbar, daß die türkischen Universitäten einen relativ großen Frauenanteil unter den Professoren aufweisen. (Tabelle 1)

Im folgenden Beitrag soll diesem Phänomen nachgegangen und die Situation von Wissenschaftlerinnen in den türkischen Universitäten im Vergleich zu der in bundesdeutschen Hochschulen dargestellt werden. Dabei wird nach den Ursachen der größeren Beteiligung von Frauen an türkischen Universitäten zu fragen sein.

Status

Israel (1983)

Jordan (1989)

Netherl. (1988)

Norway (1987)

Turkey (1989)

USA (1986)

U.K. (1987-88)

W.Germ. (1986)

Full professor

10.0

2.0

2.1

6.0

20.0

12.3

3.0

5.1

Associated professor

15.0

6.0

4.6

18.0

22.7

24.6

6.0

5.1

Assistant professor

42.0

10.0

15.1

18.0

26.8

38.4

14.011 32.02 2

12.7


Tabelle 1:Women's share of faculty positions in higher education (per cent)
1 Lecturer
2 Contract Researcher
Quelle: Auszug aus Suzanne Stiver Lie und Virginia E. O'Leary
(Hg.): Storming The Tower. Women in the academic world. London und New York 1990. S. 24

1. Einführung ins türkische Bildungs- und Hochschulsystem Bevölkerungsstruktur der Türkei

Nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung (1985) betrug die Einwohnerzahl der Türkei 50,7 Millionen. Das Bevölkerungswachstum belief sich nach dieser Volkszählung bis 1988 bei einer Geburtenziffer von 4 (durchschnittliche Kinderzahl pro Frau im gebärfähigen Alter) auf 2,52%.

Nach den Bevölkerungsprojektionen der Vereinten Nationen dürfte die Türkei im Jahre 2000 über 65 Millionen Einwohner haben. Zwar ging aufgrund des Anstiegs des Heiratsalters, einer verbesserten Schulbildung der Frauen, der raschen Urbanisierung und des hohen Maßes der internationalen Migration die Geburtenziffer in den beiden letzten Jahrzehnten stark zurück, dennoch ist das Bevölkerungswachstum erheblich größer als in der Bundesrepublik. Vergleicht man die Bevölkerungsstruktur der beiden Länder (Bild 1), stellt man einen stark unterschiedlichen Altersaufbau fest.

Die Bevölkerung in der Türkei ist im Durchschnitt sehr jung, in 1985 war etwa ein Drittel der Bevölkerung (35%) im Schulalter (5-20 Jahre alt) und fast jeder Zehnte (9,8%) im Studentenalter (20-25 Jahre alt). In allen Altersstufen gab es mehr Männer (51,3%) als Frauen (48,7%). Diese Altersstruktur der Bevölkerung stellt das Bildungs- und Hochschulwesen des Landes vor große Probleme.