Vorwort

Anıl Kaputanoğlu, Ayşe Esin, Mine Kırbıyık, Ozan Kesim, Stella Çoban

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Dieses Buch enthält die verschiedenen Beiträge, die im Rahmen des Symposiums "Die türkische Frauenbewegung" vom
24. bis 26. April 1992 an der Universität Karlsruhe (TH) stattfand. Da dieses Symposium an einer Technischen Hochschule (!) aus unserer Sicht - einer studentischen Arbeitsgruppe - und für alle Teilnehmer unerwartet erfolgreich verlief, ist es an dieser Stelle sinnvoll, die Beweggründe, Motive und die Entstehungsgeschichte unserer Arbeit kurz zusammenfassen.

Nicht nur in den Sozialwissenschaften auch in den Massenmedien und der öffentlichen Meinung ist das Interesse an der Situation türkischer Migrantinnen in der Bundesrepublik stark angestiegen. Dabei erscheint uns ein wesentlicher Aspekt - vor allem in den Massenmedien - augenfällig: ein Emanzipationsprozeß wird türkischen Frauen in der Migration abgesprochen; türkische Frauen jeder Generation seien dem Willen der Männer unterworfen.

So sollte der Schwerpunkt unserer Arbeit der Überprüfung dieses einseitigen Bildes türkischer Frauen dienen. Denn entspricht dieses Bild der Realität? Aus diesem Grund war für uns von Anfang klar, daß wir vor allem betroffene türkische Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Berufen u.a., aus der Türkei und der Bundesrepublik mit ihren persönlichen Erfahrungen einladen und anhören. Ein komplexeres Bild der türkischen Frau zu gewinnen, bedeutete für unsere Gruppe aus drei Frauen und zwei Männern im Laufe der Arbeit den Beginn eines Bewußtseinsprozesses.

Besonders die gemischte Zusammensetzung unserer Gruppe hat bei einigen deutschen Kontaktpersonen Verwunderung, ja sogar Skepsis ausgelöst, da - für europäische und deutsche Verhältnisse - das Interesse an der Neuen Frauenbewegung meist nur Frauen vorbehalten zu sein erscheint. Dieses Urteil sollte im Laufe des Symposiums am Beleg der kemalistischen Reformen und des sog. Staatsfeminismus zumindest für die Türkei relativiert werden.

Die Annäherung an dieses Thema geschah aus unterschiedlichen Motiven: ein weibliches und ein männliches Mitglied der Gruppe gehören der zweiten Generation von TürkInnen in der BRD an. Während sie direkt oder indirekt von den Problemen türkischer Migrantinnen betroffen waren, lag das Interesse der beiden anderen an der mangelnden Information über die Verhältnisse in Deutschland. Zugleich konnten die Letzteren über ihre eigenen Erfahrungen in der Türkei, die kemalistische Reformen und die bisher in Europa unbekannte Neue Türkische Frauenbewegung berichten. Die einzige Deutsche in unserer Gruppe wiederum hatte schon seit Jahren Kontakte zu türkischen Familien, Bekannten und ist mit einem Türken verheiratet. Diese unterschiedliche Zusammensetzung der Arbeitsgruppe erschien für den Abschluß unseres Projektes eher als ein Vorteil, da wir diese vielfältigen Aspekte des Themas in diesen persönlichen Erfahrungen berücksichtigen konnten. So richtete sich das Symposium nicht nur an ein fachwissenschaftlich interessiertes Publikum. Vielmehr sollten deutschen sowie türkischen Frauen die Möglichkeit geboten werden, einen Dialog zu führen und Gemeinsamkeiten bei ihrer Befreiung aus patriarchalischen Strukturen zu entdecken.