Vorwort

Anıl Kaputanoğlu, Ayşe Esin, Mine Kırbıyık, Ozan Kesim, Stella Çoban

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Die unterschiedlichen Veranstaltungen des Symposiums dokumentierten somit ein komplexeres Bild der türkischen Frau in der Türkei und in der Migration. Sie machten ebenso auf die noch bestehende Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in modernen westlichen Gesellschaften aufmerksam. Die Frauenfrage ist weniger ein türkenspezifisches, sondern vielmehr ein internationales Problem. Aufgrund dieser Überlegungen können deutsche und türkische Frauen voneinander lernen: die Existenz einer Neuen Frauenbewegung in der Türkei gibt besonders jungen türkischen Frauen Mut, sich von Traditionen und der Herrschaft der Männer zu lösen, ohne dabei in Gefahr zu laufen, ihre kulturelle Identität zu verlieren. Die türkische sowie die europäische Neue Frauenbewegung sollten ihnen als Vorbilder für einen Emanzipationsprozeß dienen können. Das auch türkische Migrantinnen in der 30 jährigen Migrationsgeschichte einen Emanzipations- und Bewußtseinsprozeß erfahren haben, wird leicht vergessen. Deutsche Frauen können sich ebenfalls informieren und die Einsicht von der Internationalität des Patriarchats gewinnen. Das Erkennen der Gemeinsamkeiten erleichtert den Dialog. So existieren immer noch Widersprüche im Modernisierungs- und Emanzipationsprozeß: der Eintritt in das Erwerbsleben bildet für Frauen einen wichtigen Schritt in die Unabhängigkeit, doch bestehen in der Familie und im Alltag noch die alten patriarchalischen Strukturen fort. Besonders die Podiumsdiskussion verdeutlichte diese Widersprüche anhand der persönlichen Erfahrungen türkischer Frauen in der Migration.

Das überraschende Interesse zeigte sich an der hohen Zahl der Teilnehmerinnen aus dem ganzen Bundesgebiet. Im Symposium versuchten wir diese vielfältigen oftmals widersprüchlichen Aspekte der Realität türkischer Frauen zu dokumentieren: die noch bestehenden patriarchalischen in der modernen Türkei sowie in der Migration, trotz der erfahrenen Emanzipationsprozesse. Wir hoffen, daß dieses komplexere Bild von den Lebensverhältnissen türkischer Frauen die Motivation für einen Dialog und eine intensive Zusammenarbeit zwischen deutschen und türkischen Frauen bilden kann.

Wir möchten auch kurz unsere Kontaktpersonen bzw. Referentinnen vorstellen, ohne deren Unterstützung und Teilnahme dieses Symposium nicht möglich gewesen wäre.

Das u.a. von Ayla Neusel herausgegebene Buch "Aufstand im Haus der Frauen", das bisher den aktuellsten Stand der türkischen Frauenforschung dokumentiert und ein Ergebnis eines einmaligen internationalen Frauen-Symposiums über die Situation türkischer Frauen darstellt, war für uns Vorbild. Jedoch sollte unsere Arbeit ein nichtwissenschaftliches Publikum erreichen. Das Symposium in Karlsruhe gilt somit als eine Premiere für ein solches Thema und ein öffentliches breites Publikum. In Vorabgesprächen gab uns Frau Neusel ebenfalls viele Anregungen, die wir in unser Konzept einbauten. Als eine Einführung in das Thema veröffentlichen wir in diesem Band die von Neusel überarbeitete Fassung ihres Vortrags "Frauenkarrieren in der Wissenschaft - Ein Vergleich der Situation von Wissenschaflerinnen an türkischen und deutschen Universitäten", den sie am 13. März 1992 an der Universität Karlsruhe gehalten hat.